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Nasr Hamid Abu Zaid

Eine Kritik des religiösen Diskurses

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Der 1943 geborene agyptische Literaturwissenschaftler lehrt heute in Leiden (NL) Islamwissenschaft. 1995 verfügte ein ägyptisches Gericht gegen ihn und seine Ehefrau die Zwangsscheidung, da eine Muslima nicht mit einem "Apostaten" verheiratet sein könne. Diese Farce und andere Anfeindungen, bis hin zu Morddrohungen, von Seiten prominenter Islamisten haben dazu geführt, das Abu Zaid jetzt im Ausland unterrichtet.

Die Anschuldigungen gegen ihn werden deshalb erhoben, weil er den Topos, dass im Gegensatz zum Christentum im Islam Vernunft und Offenbarung zur Deckung gebracht werden könnten, beim Wort nimmt. Während viele Muslime dies immer nur wie eine beschwörende Leerformel wiederholen, ohne sie wirklich einzulösen, wendet der hermeneutisch geschulte Literaturwissenschaftler ihn an und hinterfragt den religiösen Text Koran nach den Bedingungen und Möglichkeiten seiner Rezeption. Das Sakrileg Abu Zaids besteht darin, den heiligen Text als lebendigen religiösen und spirituellen, aber als - Text -, ernstzunehmen, und sich zu weigern, der Reduktion auf ein nicht zu hinterfragendes Handbuch für Politik und Gesellschaft beizustimmen.

"Der Koran ist eine religöse Autorität, aber nicht der Bezugsrahmen etwa für die Erkenntnisse der Geschichte oder der Physik. Doch verstärkt sich heute die Tendenz zu meinen, der Koran enthalte bereits alle Wahrheiten, die die Vernunft je erkannt hat oder erkennen wird. Das ist gefährlich - gefährlich für die Vernunft und das Bewußtsein der Muslime -, denn es führt zu zweierlei: zum einem wird die Bedeutung der menschlichen Vernunft herabgesetzt und damit die Rückständigkeit zementiert, und zum anderen verwandelt sich der Koran aus einem Offenbarungstext in einen politischen, wirtschaftlichen oder juristischen Traktat. Dadurch aber verliert der Koran etwas Wesentliches, nämlich seine spezifisch religiöse, spirituelle und in einem allgemeinen Sinne ethische Dimension." (Ein Leben mit dem Islam S. 49f)

Was Abu Zaid den Betreibern des religiösen Diskurses, den Fundamentalisten, Islamisten, Salafis und wie man sie auch immer nennen mag, vorwirft, ist Reduktion in vielfacher Hinsicht:

"Der religiöse Diskurs widerspricht schließlich dem Islam selbst, da er eine seiner wichtigsten Grundlagen, die Vernunft, negiert und meint, damit die Überlieferung zu bestätigen. Tatsächlich aber negiert er sie, indem er ihre erkenntnistheoretische Grundlage verneint. Im Gegensatz zu dem, was der zeitgenössische religiöse Diskurs propagiert, kann man nicht durch das Schiedsgericht der Texte, dessen Konsequenzen die islamische Geschichte belegt, zum Islam zurückkehren, sondern nur indem man der Vernunft ihren alten Stellenwert einräumt. (Islam und Politik, S. 65).

"Die Botschaft des Islam wäre vollkommen folgenlos geblieben, hätten die Menschen, die sie als erste empfingen, sie nicht verstehen können. Sie verstanden den Islam in ihren Lebensumständen, und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft. Man sollte die Auffassung der ersten Generation von Muslimen und der folgenden Generationen aber keineswegs für endgültig oder absolut halten. Der Text des Koran gestattet einen endlosen Decodierungsprozess. In diesem Prozess sollte die ursprüngliche Bedeutung nicht ignoriert oder vereinfacht werden, weil diese Bedeutung entscheidend dafür ist, die Richtung der weiteren Deutung des Textes aufzuzeigen. Wenn man die Richtung hat, ist es viel leichter, sich auf den Sinn des Textes im heutigen soziokulturellen Kontext hinzubewegen. ... So paradox es klingen mag: Gerade wenn die Botschaft des Islam für die gesamte Menschheit unabhängig von Zeit und Ort gültig sein soll, ist eine Vielfalt der Interpretation unvermeidlich. Wenn der Text auch ein historisches Faktum von göttlichem Ursprung ist, so ist seine Interpretation doch absolut menschlich." (Spricht Gott nur Arabisch? In: Die Zeit 05/2003)

Verweise

« Aufklärung in der islamischen Geisteswelt Von Nasr Hamid Abu Zayd
Vortrag vom 27. Januar 2001, Karl Rahner Akademie Köln

« Spricht Gott nur Arabisch? In: Die Zeit 05/2003

Nasr Hamid Abu Zaid: Ein Leben mit dem Islam.
Aus dem Arabischen von Cherifa Magdi. Erzählt von Navid Kermani.
Herder: Freiburg im Breisgau 1999

Nasr Hamid Abu Zaid: Islam und Politik. Kritik des religiösen Diskurses.
Aus dem Arabischen von Cherifa Magdi.
dipa-Verlag: Frankfurt a. M. 1996

 

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wilhelm sabri hoffmann - rheine - 2004