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Barnabas Evangelium

Ein "muslimisches" Evangelium aus dem 14. Jh.

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Es gibt neben den 4 kanonischen eine Fülle von apokryphen Evangelien. Einige dieser Evangelien greifen wohl auf Überlieferungen zurück, die dem historischen Jesus von Nazareth sehr nahe sind - so z. B. das Thomas-Evangelium. Nicht nur für Christen, auch für Muslime war die Frage immer wieder wieder interessant, wo ein authentisches Jesus-Wort und eine authentische biographische Nachricht zu finden sei. Waren es vor kurzem noch die Qumran-Rollen, so sorgt jetzt das "Jesus-Projekt" amerikanischer Neuttestamentler für größeres Aufsehen.

Man findet heute viele Muslime, die ein im 14. Jahrhundert erschienenes Evangelium für das "authentische" Evangelium, bzw. für den Nachfolger eines authentischen Evangeliums halten. Es ist das "Barnabas-Evangelium", das zuerst 1908 in Kairo in einer arabischen Übersetzung einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. In Deutschland ist es zuletzt im Spohr-Verlag (früher Turban-Verlag) 1994 aufgelegt worden.

Die Begeisterung einiger Muslime für dieses Buch wird verständlich, wenn man erfährt, dass dieses Evangelium des zypriotischen Juden Barnabas, ein Wegbegleiter des Paulus, einen Nazarener schildert, der sich ohne Widersprüche in das koranischen Jesusbild einfügt: keine Anspruch auf Gottessohnschaft, kein Ausscheren aus der jüdischen Tradition und kein Kreuzestod, stattdessen eine Ankündigung eines künftigen Propheten.

Die griechisch orthodoxe Tradition kennt wohl einen "Apostel" Barnabas und verehrt sein Grab auf Zypern. Aber: Müsste nicht allein schon dieses stutzig machen - dass sich nämlich das Buch so problemlos in den Erwartungshorizont einfügt? Die Überlieferungsgeschichte kommt als rechte Kriminalgeschichte daher, die als Vorspann eines historischen Romans so gerade noch durchgehen würde, aber keine Empfehlung auf Authentizität sein kann: Ein italienisches und ein spanisches Manuskript aus dem 16. Jahrhundert, die sich als Übersetzungen eines Originals aus dem 1. Jhdt. ausgeben, entdeckt im 5. Jhdt. im Grab des Barnabas auf Zypern, von der Kirche geheimgehalten und unterdrückt, aber dennoch dem Vergessen entrissen.

Ein angeblicher Fund einer aramäischen Version des Barnabas-Evangeliums nahe Hakkari in Ostanatolien stützt sich allein auf einen Zeitungsbericht der Zeitung "Türkiye" vom 25.07.1986. Aber wer die rechtslastige "Türkiye" kennt, weiß, dass er auf diese Nachricht ohne weitere Beweise nicht allzuviel geben kann.

Bei genauerer Lektüre des Barnabas-Evangeliums stellt sich dann auch heraus, dass der Text Unstimmigkeiten aufweist, die seine Entstehung im 14. Jahrhundert wahrscheinlich machen. Die Adaption der Kosmologie von Dantes "Göttlicher Komödie" und der Präsentation historischer Fakten in päpstlichen Dekreten machen sich hier bemerkbar. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass hier jemand erst im 14. Jhdt. den Versuch unternommen hat, ein fiktives Evangelium zu fabrizieren. Läßt sich nun aus der Bearbeitung aus den späteren Jahrhunderten ein reales Jesusbild, dass sich vielleicht auch auf zeitgenössische aber verlorengegangene Quellen stützen mag, herauslösen? Und wäre dieses es wert, den kanonischen Evangelien als "authentischer" und "verläßlicher" gegenüberzustellen? Ich möchte für mich diese Frage verneinen.

Die Verlagsankündigung des Spohr-Verlages bejaht aber für sich dies Frage wesentlich vollmundiger: "Als das einzige bekannte Evangelium, dessen Verfasser wirklich Zeuge jener Ereignisse um Jesus war, beweist es einen für das Abend- und das Morgenland gleichermaßen unschätzbaren Wert. Es zeigt, daß die alten Christen der nazarenischen Tradition in einer Heilsgeschichte aufwuchsen, die mit den Offenbarungen des Judentums und später des Islams nicht nur nicht in Widerspruch steht, sondern in wunderbarer Weise harmoniert. So beglückend dieser Umstand vom Gläubigen eines wahrhaft "kat-holischen„, d. i. die ganze Welt umspannenden, Monotheismus empfunden werden kann, so groß werden die Konflikte sein, die dieses Evangelium unter den römischen Christen paulinischer Tradition seit dem Konzil von Nizäa auslösen muß. Gerade vor dem Hintergrund jener Ereignisse Nizäas läßt das wiedergeschenkte Zeugnis des Heiligen Apostels Barnabas in neuer Frische die alte Frage stellen: Wer eigentlich war Jesus? - Bei aller Brisanz beweist das Barnabas-Evangelium, angesichts auch immer wieder gestellter Fragen nach seiner Echtheit, für sich genommen Wert und Würde. Es hat - uferlose Meere der Barmherzigkeit und kaum faßbaren Glücks eröffnen sich unversehens - das Zeug zu einer von allen Völkern der Welt respektierten Schrift, einem gemeinsamen Evangelium von Orient und Okzident."

Verweise

pro Authentizität - barnabas.net: « Gospel of Barnabas (English)

contra Authentizität - answering-islam.org: « The Gospel of Barnabas (English)

contra Authentizität - Jan Slomp: « The "Gospel of Barnabas" in recent research (English)

pro und contra Authentizität - R. Blackhirst: « Barnabas and the Gospels: Was There an Early Gospel of Barnabas? (English)

Indjil in: Encyclopaedia of Islam, Vol. III, Brill: Leiden, p 1205a

 

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wilhelm sabri hoffmann - rheine - 2007