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GewaltFriedensgebot und Dschihâd |
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Grundlegende Einstellungen zum Thema Islam und Gewalt
Worauf berufen sich Muslime, wenn sie Stellung beziehen?
Drei Grundhaltungen gegenüber der Gewalt
Offenbarung eingebettet in eine Geschichte der realen Auseinandersetzungen
Muhammad und der Islam: Zwischen Mekka und Medina
Mekka - Muhammad als Warner und die Muslime als Minderheit
Medina - Muhammad als Befehlshaber und die Muslime als Mehrheit
Die Akteure von Mekka und Medina als Archetypen
"Mein Reich ist nicht von dieser Welt" versus "din wa dawla"
Der Islam als Antichrist?
Die hidschra - "konstantinische Wende" des Islams
Eine realistische Sicht: Gewalt als ultima ratio
"Aber begeht keine Übertretung!"
Vom Dschihâd zum dar al-ahd: Islamisches Rechtsdenken zum Thema Gewalt
Dschihâd - kein "Heiliger Krieg"!
Dschihâd - Anstrengung oder Maximaleinsatz
Der "große" und der "kleine" Dschihâd
Dschihâd - die Theorie des gerechten Krieges
schahid - der Glaubenszeuge
Vom dar al-harb zum dar al-ahd
"Islam und Gewalt" - das ist heute eine fast zwangsläufige Kombination, wenn man von der Präsentation der Medien und dem Alltagsbewusstsein der Zeitgenossen in Europa ausgeht. Will man zum Islam Stellung nehmen oder aus dem Islam heraus Selbstdarstellung betreiben, so sind es immer wieder zwei Themen, die sich in den Vordergrund drängen. Und das nicht erst seit heute, sondern schon seit dem 19. Jahrhundert, in dem diese beiden sämtliche Reiseberichte aus dem Orient, Romane und die bildende Kunst durchdringen.
Es sind die beiden Themen: Sexualität und Gewalt. Oder in anderem Vokabular: Harem und Dschihâd, Vielweiberei und "Heiliger Krieg", Sinnlichkeit und Fanatismus, Kopftuch, Schleier und die abgehackten Hände des Diebes, die die Scharia, dar muslimische Recht fordert. Nichts entzündet die Phantasie - und die Empörung - der Europäer so sehr, wie die Vermählung dieser beiden Vorstellungen im angeblichen Paradies der Muslime, angefüllt mit Huris, "Paradiesjungfrauen" für die Märtyrer des unerbittlichen Glaubenskampfes.
Aber wird die Berechtigung dieser Perspektive nicht durch die jüngsten Ereignisse bestätigt. Haben nicht die Ereignisse des 11. Septembers, die in den Medien zitierten Anweisungen für die Attentäter und die Reaktionen der muslimischen Massen in Pakistan gezeigt, dass Gewalt und Islam unzertrennlich sind. Die Frage wird gestellt und sie muss beantwortet werden. Welchen Ort hat die Gewalt im Islam?
Worauf berufen sich Muslime, wenn sie Stellung beziehen?
Wir werden die Frage, wie sich "der Islam" zur Gewalt verhält, verlassen müssen, um die Frage zu stellen: Wie kann sich ein Muslim zur Gewalt verhalten? Worauf kann sich ein Muslim berufen, wenn er dabei Recht und Unrecht, Gebotenes und Verbotenes unterscheiden will?
Da ist zunächst der Koran, das an den Propheten Muhammad ergangene Wort Gottes. Eine Sammlung von Suren, Kapiteln mit Versen in arabischer Reimprosa, deren Aufbau einem westlichen Leser zunächst chaotisch und sprunghaft erscheint, und zu den unterschiedlichsten Themen Stellung nimmt. Und dann ist da die sunna, die im sogenannten hadith überlieferten Worte und Taten des Propheten, dessen Leben als vorbildlich und dessen Beispiel als verbindlich gilt. Aus diesen beiden Quellen schöpfen die Religionsgelehrten, wenn sie mit zusätzlicher Hilfe des Analogieschlusses und eigener Überlegungen ein Netz von Verboten und Geboten, Erlaubtem und Verwehrtem, Angestrebtem und zu Meidendem weben, das den Alltag und den Gottesdienst des Muslims einfangen kann. Deshalb sollte man zuerst im Koran nachschauen und dann die prophetischen Traditionen und die Positionen der Gelehrten zu Rate ziehen.
Drei Grundhaltungen gegenüber der Gewalt
Will man den Koran befragen, welche Aussagen er zur Gewalt macht, so wird man feststellen, dass es eine Reihe zum Teil direkten Anweisungen gibt, die den Leser direkt ansprechen - beim Koran müsste man eher Leser sagen, da er ja eigentlich vom Wortsinn her ein Vortrag ist. Aber diese Anweisungen, die nicht auf eine oder mehrere Suren konzentriert sind, sondern sich verstreut über den ganzen Text finden, widersprechen. Man kann aber versuchen, sie zu ordnen und bestimmten grundsätzlichen Orientierungen zuzuordnen. Dann ergeben sich drei Grundhaltungen.
Geduld, Abwarten und Standhaftigkeit statt Gewaltanwendung empfehlen eine Reihe von Versen. Ich könnte mehrere anführen, aber will hier nur zwei nennen:
"Warne nun! Du bist nur ein Warner und hast keine Gewalt über sie. Wer sich aber abwendet und nicht glaubt, über den verhängt Gott die schwere Strafe." (Sure 88:21f)
"Und der Hass, den ihr gegen (gewisse) Leute hegt, weil sie euch von der heiligen Kultstätte abgehalten haben, soll euch ja nicht dazu bringen, dass ihr Übertretungen begeht. Helft einander zur Frömmigkeit und Gottesfurcht, aber nicht zur Sünde und Übertretung! Und fürchtet Gott! Er verhängt schwere Strafen." (Sure 5:2)
Einige Verse rufen zum bewaffneten Kampf gegen das Unrecht - wie z. B. Vertreibung - auf:
"Gott sorgt für die Verteidigung derer, die glauben. Er liebt keinen, der betrügerisch und undankbar ist. Denjenigen, die bekämpft werden, ist die Erlaubnis zum Kampf erteilt worden, weil ihnen Unrecht geschehen ist. - Gott hat die Macht, ihnen zu helfen. - Ihnen, die unberechtigterweise aus ihren Wohnungen vertrieben worden sind, nur weil sie sagen: Unser Herr ist Gott. - Und wenn Gott nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, wären Einsiedlerklausen, Kirchen, Synagogen und Kultstätten, in denen der Name Gottes ohne Unterlass erwähnt wird, zerstört worden. Aber bestimmt wird Gott denen, die ihm helfen, helfen. Er ist stark und mächtig." (Sure 22:39ff)
Man findet aber auch Verse, die ausdrücklich zum Kampf gegen "Ungläubige" aufrufen.
"Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören - von denen, die die Schrift erhalten haben - kämpft gegen sie, bis sie ergeben aus der eigener Hand Tribut entrichten!" (Sure 9:29)
Bei allen Kampfhandlungen wird aber immer die Einschränkung und Begrenzung der Gewalt empfohlen:
"Und kämpft um Gottes willen gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen! Aber begeht keine Übertretung! Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen Und tötet sie, wo (immer) ihr sie zu fassen bekommt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben! Der Versuch (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen ist schlimmer als Töten. Jedoch kämpft nicht bei der heiligen Kultstätte (von Mekka) gegen sie, solange sie nicht (ihrerseits) dort gegen euch kämpfen! Aber wenn sie (dort) gegen euch kämpfen, dann tötet sie! Derart ist der Lohn der Ungläubigen. 192 Wenn sie jedoch aufhören, so ist Gott barmherzig und bereit zu vergeben. Und kämpft gegen sie, bis niemand versucht, (Gläubige zum Abfall vom Islam) zu verführen, und bis nur noch Gott verehrt wird! Wenn sie jedoch aufhören, darf es keine Übertretung geben, es sei denn gegen die Frevler." (Sure 2:190-193)
"Kämpft gegen sie mit Ausnahme derer, die zu Leuten gelangen, mit denen ihr in einem Vertragsverhältnis steht, oder die zu euch gekommen sind, nachdem sie davor zurückscheuten, gegen euch oder ihre Leute zu kämpfen. - Wenn Gott gewollt hätte, hätte er ihnen Gewalt über euch gegeben, und dann hätten sie gegen euch gekämpft. - Wenn sie sich von euch fernhalten und nicht gegen euch kämpfen und euch ihre Bereitschaft erklären, sich friedlich zu verhalten, gibt euch Gott keine Möglichkeit, gegen sie vorzugehen." (Sure 4:230)
Offenbarung eingebettet in eine Geschichte der realen Auseinandersetzungen
Warum gibt es aber keine eindeutige Verdammung der Gewalt? Warum ist dieses Buch so uneinheitlich? Und so schwer verständlich? All dies sind Fragen, die sich westlichen Lesern stellen, die dem Koran zum ersten Mal unbefangen und ohne Vorbereitung gegenübertreten.
Im ständigen und unvermittelten Wechsel der Anrede und der Angesprochenen (der Prophet, die Gläubigen, die "Ungläubigen", die Menschen), der Person des Sprechers (Gott selbst, der Prophet, eine dritte Person, die zitiert wird) und im sprunghaften Wechsel der Themen und der ständigen formelhaften Wiederkehr bestimmter Aussagen gibt der Koran Zeugnis seiner Entstehung - als Wiedergabe eines Diskurses zwischen Gott, dem Propheten und den Menschen. Oft ist es so, dass man in diesem Kommunikationsgeschehen nur die Antworten erfährt und die Fragen unausgesprochen bleiben, so als ob man als dritter ein Telefongespräch verfolgt, bei dem man nur einen Teilnehmer hört.
Es sind aber reale Konflikte mit realen Akteuren und realen Anlässen, die hier zur Sprache kommen: Kämpfe und Auseinandersetzungen, Ermahnung und Polemik zwischen Gläubigen und Ungläubigen, denen die dem Propheten folgen und denen, die ihn bekämpfen, verleumden oder ihn beschuldigen.
Um hier das Verständnis der Verse zu erleichtern haben die Muslime als ein wichtiges Hilfsmittel der Interpretation schon früh die "Wissenschaft von den Anlässen der Offenbarungen" zu Rate gezogen; das sind die Überlieferungen der Gefährten des Propheten, die Auskunft geben, wann und in welcher Situation ein bestimmter Vers vom Propheten weitergegeben wird. Und so ist die sira, die Biographie des Propheten, die Folie, auf der sich die verstreuten Verse zusammenfinden und die das rechte Verständnis des Textes erst ermöglicht.
Muhammad und der Islam: Zwischen Mekka und Medina
Ein Ergebnis dieser Wissenschaft von den Anlässen der Offenbarung wird auch dem westlichen Leser zuteil, auch wenn er nur den Text des Korans vor sich hat - das ist die Kennzeichnung jeder der 114 Suren des Korans als "mekkanisch" oder "medinensisch".
Das Leben des Propheten hat sich im 6. Jahrhundert nach Christus in diesen beiden Städten auf der arabischen Halbinsel abgespielt. Und diese beiden Städte geben auch zwei ganz unterschiedliche Szenarien ab.
Mekka - Muhammad als Warner und die Muslime als Minderheit
Muhammad lebte von 570 n. Chr. - 632 n. Chr. Seine Heimatstadt Mekka, eine Handelsstadt für arabische Karawanenhändler, beherbergte die Kaaba, ein Heiligtum, in dem alle heidnischen Araber der Halbinsel ihre Götterbilder aufstellten.
Im Alter von vierzig Jahren, nach lange quälendem Suchen und Gebet, das ohne Antwort und Erlösung blieb, erlangte er eine erste Offenbarung: "Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Embryo. Lies. Dein Herr ist der Langmütigste, der durch das Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste." (Sure 96:1-4)
Im Mittelpunkt der sich nun bald fortsetzenden Offenbarungen stand die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, die vom Menschen eine Antwort in Gehorsam und Dankbarkeit erheischt: "Dein Herr hat dir nicht den Abschied gegeben und hasst dich nicht. Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits. Und wahrlich, dein Herr wird dir geben, und du wirst zufrieden sein. Hat er dich nicht als Waise gefunden und dir Unterkunft besorgt, und dich abgeirrt gefunden und rechtgeleitet, und bedürftig gefunden und reich gemacht? So unterdrücke die Waise nicht und fahre den Bettler nicht an, und erzähle von der Gnade deines Herrn." (Sure 93:3-11)
Die Predigt des 40-jährigen Kaufmanns, der seine Landsleute vor dem Jüngsten Gericht warnte, stieß in der reichen Handelsstadt Mekka auf taube Ohren, da er mit scharfen Worten die soziale Verantwortung der Menschen forderte und die Vielgötterei verurteilte. Die Muslime, diejenigen, "die sich Gott ergeben hatten", und dem Propheten folgten, waren eine Minderheit, die mannigfache Verfolgung erfuhr, die aber vom Propheten zur Geduld und zum Ausharren ermahnt wurde.
Medina - Muhammad als Befehlshaber und die Muslime als Mehrheit
Muhammad sah sich gezwungen, mit einigen Anhängern im Jahre 622 nach der Oasenstadt Medina zu emigrieren, wo er ein Gemeinwesen nach Maßgabe des Korans zu schaffen begann. Mit diesem Jahr der hidschra, der Auswanderung, beginnt die islamische Zeitrechnung. Die folgenden Jahre in Medina sind geprägt von erbitterten kriegerischen Auseinandersetzungen mit Mekka - dem Propheten wird ein Kampf auf Leben und Tod aufgezwungen. In der Schlacht von Badr gelingt es zunächst die Übermacht der Mekkaner zurückzuweisen, aber in einem Gefecht bei Badr erhalten die Muslime eine Niederlage. Im sogenannten "Grabenkrieg" können die Muslime Medinas einer Belagerung durch Mekka trotzen. Ein Waffenstillstand, dessen Abschluss als größter Sieg der Muslime bezeichnet wird, ermöglicht dann den Muslimen ihre Kräfte zu konsolidieren. Nachdem der Waffenstillstand dann aufgekündigt wird, muss sich Mekka kampflos im Jahre 630 ergeben. Die Kaaba wird von den Götzenbildern gereinigt und beim Tode des Propheten ist der Westen der Arabischen Halbinsel unter der Oberhoheit der Muslime geeint.
Die Akteure von Mekka und Medina als Archetypen
Die Auseinandersetzungen von Mekka und Medina mögen schon 1400 Jahre zurückliegen, sie sind im Bewusstsein der Muslime noch immer präsent, denn wenn sie den Koran verinnerlichen, dann auch immer die Konflikte, Siege und Niederlagen der ersten muslimischen Gemeinde. Und so wie im christlichen Bereich die Akteure der Evangelien als feste moralische Größen in Ablehnung und Sympathie als Archetypen des Glaubens und Unglaubens jederzeit abrufbar sind: als Jünger, Pharisäer oder Hohepriester, so sind es auch die Akteure des koranischen Dramas. Das ist der mumin, der "Gläubige", der an Allah glaubt und an die Botschaft der Propheten. Der muslim, der, "der sich ergeben hat", in den Willen Gottes und seine Anleitung. Der kafir, der "Leugner" - oft zu Unrecht als "Ungläubiger" übersetzt -, der die Botschaft des Propheten ablehnt. Der munafiq, der "Heuchler", der dem Propheten Gefolgschaft zugesagt hat, aber dann der Gemeinde in den Rücken fällt. Der muschriq aus Mekka, der "Beigeseller" oder Polytheist, der mehrere Götter verehrt. Der bedu, der "Beduine" der Wüste, der sich dem Propheten wegen der Aussicht auf Beute anschließt, aber beim ersten Anzeichen eines Wechsel des Kriegsglücks abtrünnig wird. Die nasara, die "Christen", deren Dogmatik zwar abgelehnt wird, von denen aber gesagt wird, dass sie den Muslimen von allen anderen Gruppen am freundlichsten gesonnen seien. Die banu israil, die "Juden", zunächst Verbündete der Muslime dann heimliche Unterstützer des Gegners aus Mekka. Als Beteiligte eines Konfliktes mit den Etappen: Vertreibung, Kampf und Sieg der Muslime sind sie alle in der kollektiven Erinnerung der Muslime für immer eingeschlossen.
"Mein Reich ist nicht von dieser Welt" versus "din wa dawla"
Diese Verstrickung und Parteinahme in blutigen Kämpfen und den Aufbau eines Gemeinwesens auch mit Hilfe eines Strafrecht und militärischer Absicherung hat dem Islam den Vorwurf eingetragen, eine weltliche oder gar eine "politische" Religion zu sein. Im Gegensatz zum Christentum sei das Reich des Propheten und der Muslime sehr wohl von dieser Welt. Und während das Christentum für eine moderne säkulare Welt der Trennung von Staat und Kirche wie geschaffen sei, weil Christi Reich "nicht von dieser Welt sei" und dem Kaiser gegeben werde, was des Kaisers sei, sei der Islam von Anfang an mit einem Geburtsfehler behaftet: der Verquickung von Religion und Staat, "din wa dawla", die er nicht aufheben könne, ohne sich selbst zu verleugnen. Die Konsequenz aus dieser Überlegung denkt sich dann so weiter: der Islam sei nicht mit einer modernen Welt des Pluralismus und des Gewaltverzichts der Religionen zu vereinbaren. Er sei ein Relikt des Mittelalters.
Der Islam als Antichrist?
Mittelalterliche Christen sahen dem Triumph des Christentums gegenüber zwei Ärgernisse: das Fortbestehen des "Alten Bundes", die Unbelehrbarkeit und Halsstarrigkeit der Juden und den Koran, eine Offenbarung nach Christus. Mochte man Muhammad noch als "Lügenpropheten" bezeichnen, so bereitete der Misserfolg der Mission gegenüber den Muslimen, ja ihre ungebrochene Ausbreitung nicht nur den christlichen Fürsten, auch so manchem Theologen Kopfschmerzen. Für mittelalterliche Christen und sogar noch Luther war der Islam die Herausforderung ihrer Zeit. Noch heute findet man evangelikale Stimmen, die den Islam als Antichristen bezeichnen. Diese vehemente Ablehnung der "falschen Religion" eines "falschen Propheten" mag sich aus einer tiefen Verletzung herleiten: dem Empfinden, im Islam eine gewalttätige, aber erfolgreiche Karikatur des Christentums zu erblicken. Und je erfolgreicher und bedrohlicher der real existierende Islam wurde, umso vehementer werden die Vorwürfe der ungezügelten Gewalttätigkeit und Sinnlichkeit gegenüber dem Islam, Momente, die man in der eigenen Geschichte durch das Gebot Feindesliebe und der Hochachtung der Keuschheit als endgültig gebannt sehen wollte.
Die hidschra - "konstantinische Wende" des Islams
Mit dem Modell Medina: der Prophet als Staatsmann und die Gemeinde als politische Gemeinschaft, wurde Weltgeschichte geschrieben, und zwar nicht nur Kirchen- oder Religionsgeschichte, sondern zugleich auch Kultur- und politische Geschichte. Der Islam behaupte sich schon in der ersten Jahrhunderten seiner Ausbreitung als Religion, Kultur, Gesellschaftsmodell und Staatsform. Wofür das Christentum drei Jahrhunderte benötigte, um aus dem Glauben jüdischer Fischer und Bauern und griechischsprachiger Sklaven und Bürger zur Staatsreligion des römischen Reiches zu werden, um aus der Religion der Verfolgten zur Religion der Herrschenden zu werden, das hatte der Islam schon zur Zeiten seines Propheten erreicht. Eine konstantinische Wende, das Jahr des Toleranzedikts von Mailand 313, in dem das Christentum Verantwortung für die rechtliche Ausgestaltung eines Gemeinwesens übernahm, hat der Islam in der Mitte des Offenbarungsgeschehens erfahren: Mit der hidschra, der "Auswanderung" des Propheten Muhammad und dem Paradigmenwechsel von Mekka nach Medina.
Eine realistische Sicht: Gewalt als ultima ratio
Es ist nunmehr nicht legitim das Christentum der Evangelien und der Apostelgeschichte als Folie unter den Islam zu legen und Feindesliebe und Gewaltverzicht gegen Gewaltlegitimation im Islam auszuspielen. Das nährt nur das alte schiefe Urteil: Islam als primär politische und gewalttätige Religion gegenüber einem unpolitischen und gewaltfreien Christentum. Gerade weil der Islam gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will, will und muss er auch gesellschaftliche Gewalt einsetzen. Dabei ist Gewalt im Islam aber nur letztes Mittel der Auseinandersetzung - eine ultima ratio, sie muss legitimiert und begrenzt werden, und wie oben gezeigt, weisen die Verse des Korans, die Gewaltanwendung empfehlen, immer wieder auch auf die Begrenzung der Gewalt hin und warnen vor einer grenzenlosen, ungezügelten und unlegitimierten Gewalt.
Dabei sehen sich die Muslime in einer realistischen Position: Gewalt ist in die menschliche Geschichte und die menschliche Natur verwoben. Der Koran kennt keine Erbsünde und hat ein prinzipiell optimistisches Menschenbild, er macht aber mit einer Begebenheit in den Himmeln schon vor der Erschaffung des Menschen auf diese dunkle Seite aufmerksam. Die zweite Sure berichtet im 30. Vers, wie Gott vor der Erschaffung des Menschen, als seines "Nachfolgers" oder "Stellvertreter" die Engel darüber ins Bild setzt und wie die Engel sofort entgegnen; "Willst du auf ihr jemand einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir dir lobsingen und deine Heiligkeit preisen?" Nein - die Menschen sind keine Engel und Gewalt ist die Konstante der Menschheitsgeschichte geblieben.
"Aber begeht keine Übertretung!"
Auch wenn die ersten Jahre des Islams durch kriegerische Auseinandersetzungen gekennzeichnet waren, so gilt doch immer noch Gerechtigkeit als Vorbeugung der Gewalt: "Und der Hass, den ihr gegen Leute hegt, soll euch ja nicht dazu bringen, dass ihr nicht gerecht seid. Seid gerecht! Das entspricht eher der Gottesfurcht. Und fürchtet Gott!" (Sure 5:46)
Bei der Bestätigung des sogenannten Talionsrechtes heißt es: "Und tötet niemand, den (zu töten) Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht. Er soll (aber) dann im Töten nicht maßlos sein." (Sure 17:33)
Als konstanten Warnung wird bei jeder kriegerischen Handlung wiederholt: "Aber begeht keine Übertretung! Gott liebt die nicht, die Übertretungen begehen." (Sure 2:190)
Die Traditionen des Propheten und seiner Nachfolger, der sogenannten "rechtgeleiteten" khalifen geben an vielen Stellen Beispiele für maßvolles Handeln und den Blick auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel.
Gewalt gegen Frauen, Kinder, alte und gebrechliche Menschen und Behinderte ist nicht erlaubt. Friedfertige Menschen, die sich nicht an den Kampfhandlungen beteiligen - ausdrücklich werden hierbei christliche Mönche und Einsiedler als Beispiele genannt - dürfen nicht belästigt werden. Auch Gefangene müssen gut behandelt werden. Der erste khalif Abu Bakr, war dafür bekannt, dass er bei einem Kriegszug die ausrückenden Truppen am Zügel der Reittiere fasste und ihnen auf dem Weg aus der Medina heraus diese Maßregeln immer wieder einschärfte.
Es ist war auch sehr wichtig den Krieg sofort zu beenden, wenn die Möglichkeit gegeben war, den Frieden wiederherzustellen. Das empfiehlt der Koran ausdrücklich: "Und wenn die Feinde sich dem Frieden zuneigen, dann neige (auch du) dich ihm zu." (Sure 8:61)
Vom Dschihâd zum dar al-ahd: Islamisches Rechtsdenken zum Thema Gewalt
Dschihâd - kein "Heiliger Krieg"!
Die Kampfhandlungen der Muslime werden oft unter den Begriff Dschihâd gefasst. Es gibt wohl wenige arabische Wörter, die ähnlich bekannt sind und so negativ wie dieses mit Vorstellungen von bärtigen und fanatischen "Gotteskriegern" aufgeladen sind. Der Begriff wird zumeist mit "Heiliger Krieg" übersetzt, aber das ist nicht zutreffend, zumal die Kombination "heilig" und "Krieg" den Muslimen völlig fremd ist. Entstanden ist der Begriff als während der Synode in Clermont am 27. November l095, Papst Urban II. die Christen zum Heiligen Krieg aufrief, um das Heilige Land aus den Händen der Heiden, d.h. der Muslime, zu befreien. Das Mutterland der Religion, so führte der Papst aus, habe ein gottloses Volk in seine Hände gebracht und müsse nun befreit werden. Die Kirche erlasse allen, die gegen die Feinde des Herrn die Waffen ergreifen würden und am Pilgerzug teilnehmen, alle Kirchenstrafen und wer in bußfertiger Gesinnung falle, könne hoffen, dass er das ewige Leben erhalten werde.
Dschihâd - Anstrengung oder Maximaleinsatz
Etymologisch leitet sich der Begriff von dem Wortstamm ab, der alle möglichen Aktivitäten meint, die infolge einer Anstrengung, Maximaleinsatz und dynamisches Herangehen zustande kommen.
Der Dschihâd umfasst alle materiellen und geistigen Kräfte und Tätigkeiten die zusammengebracht werden, um ein Ziel mit guten Absichten auf dem Weg Gottes zu erlangen. So wäre alles, was ein Muslim in guter Absicht mit ganzem Einsatz vollbringt auch als Dschihâd zu verstehen.
Der "große" und der "kleine" Dschihâd
Ausgehend von einer Prophetentradition, die Muhammad bei der Heimkehr einer Heerschar sagen lässt, dass die Kämpfer vom kleinen Dschihâd gegen den äußeren Feind zum großen Dschihâd gegen den inneren Feind, das eigenen Selbst, zurückgekehrt seien, unterscheiden die Theologen des Mittelalters nun:
al- Dschihâd al-kabîr, "der große Dschihâd", der innere Kampf gegen das eigene Selbst und den eigenen Egoismus. Er findet auf einer geistigen und intellektuellen Ebene statt. Das Wort bezeichnet so in erster Linie eine entschlossene geistige Haltung. Ausgehend von dieser Grundbedeutung bezeichnet es das Bemühen für den Islam schlechthin, mit der Betonung auf den Einsatz von Vermögen und Leben: Arbeit für muslimische Institutionen, Spenden, Wissensvermittlung etc. sowie das Streben nach moralisch-religiöser Vervollkommnung.
al-Dschihâd as-saîr, "der kleine Dschihâd", der äußere Kampf um den Erhalt der Lebensgemeinschaft der Muslime, auch mit der Waffe in der Hand. Ziel eines Dschihâds darf es aber nicht sein, Länder zu erobern, andere Völker zu unterwerfen oder gar das Christentum oder das Judentum auszulöschen, sondern ein Verteidigungskrieg für die Aufrechterhaltung der islamischen Gemeinde und die Möglichkeit, den eigenen Glauben verkünden zu dürfen.
Der kleine Dschihâd als bewaffneter Kampf gegen die Gegner des Islams wird im Koran und den Traditionen des Propheten oft auch als "Dschihâd auf den Wegen Gottes" bezeichnet.
Dschihâd - die Theorie des gerechten Krieges
Die Überlegungen der mittelalterlichen Religionsgelehrten zum diesem Dschihâd haben zu Überlegungen geführt, die einer Theorie des gerechten Krieges entsprechen würden, so dass, wenn man Dschihâd denn nun als "Krieg" übersetzen will, die Bezeichnung "gerechter Krieg" am geeignetsten wäre.
Dschihâd gegen Nichtmuslime ist die einzige legitime Form der kriegerischen Auseinandersetzung. Kriege gegen muslimische Staaten sind nicht zu rechtfertigen und selbst im Verteidigungsfall gegen Übergriffe anderer Muslime darf keinesfalls zum Dschihâd aufgerufen werden.
Einzelne Regeln betreffen den Schutz unbeteiligter Personen, den Schutz von Eigentum und Besitz des Gegners und die Behandlung von Kriegsgefangenen.
Die Gelehrten waren mehrheitlich der Ansicht, dass mit der Ausbreitung des Islams vor allem die Verbreitung des Rechtssystem gemeint war, nicht die Verbreitung einer religiösen Überzeugung. Dies konnte nach Ansicht der muslimischen Gelehrten nur durch die Sicherung der Vorrangstellung der Gemeinschaft der Muslime unter den Völkern der Welt erreicht werden. Gemäß des Koranverses "Es gibt keinen Zwang in der Religion" (Sure 2:256) verzichtete man auf Zwangsbekehrungen.
Zuerst war der Dschihâd Verpflichtung aller Gläubigen, später wurde er Verpflichtung des Herrschers und dann kollektive Pflicht der Gemeinschaft. Wenn bei einem lokalen Konflikt eine genügend große Zahl vom Muslimen den Dschihâd aufnimmt, ist der Rest der umma ("Gemeinschaft der Muslime") davon befreit.
Die Ausbreitung des Islams muss aber notwendigerweise nicht durch militärische Mittel erfolgen, sondern kann auch durch Bekanntmachung seiner Regeln und Glaubensinhalte erfolgen.
schahid - der Glaubenszeuge
Der Dschihâd wurde auch als "Tor zum Paradies" bezeichnet, denn der schahid, der "Glaubenszeuge", derjenige, der auf dem "Wege Gottes" stirbt, erwirbt sich reiche Belohnungen:
Das sind Vergebung aller Sünden, dadurch ist der Märtyrer des Kampfes auch von der schrecklichen "Befragung im Grabe" befreit. Der schahid benötigt keine Totenwaschung, er wird in seinen blutigen Kleidern bestattet. Für ihn muss am Grabe nicht mehr gebetet werden, dass hieße ja gegenüber den Versprechungen Gottes misstrauisch zu sein.
Der Koran macht die Aussage, dass die Märtyrer "leben": "Und sagt nicht von denen, die um der Sache Gottes willen getötet werden, (sie seien) tot. (Sie sind) vielmehr lebendig. Aber ihr seid euch (dessen) nicht bewusst." (Sure 2:154) Daraus resultiert die volkstümliche Auslegung, dass sie sofort ins Paradies eintreten. Ausgeweitet werden diese Vorstellungen noch durch folgende: die Vermählung mit 72 Paradiesjungfrauen und die Möglichkeit, sich für 70 Verwandte einzusetzen, und ihnen den Weg ins Paradies zu erleichtern.
Schon mittelalterliche islamische Quellen berichten darüber, dass die Mütter von Söhnen, die im Kampf gefallen waren, die Todesnachricht gefasst, ja dankbar entgegennahmen. Der Märtyrertod überstieg das persönliche Schicksal und das der eigenen Familie. In den Augen vieler Muslime bedeutete dieser Tod eine Reinigung und Segnung für die gesamte muslimische Gemeinschaft.
In den Vorstellungen der mittelalterlichen Theologen erwerben aber nicht nur die gefallenen Kämpfer als schahid Anspruch auf das Jenseits, sondern auch alle die ermordet werden, während sie Gott dienen, alle, die ihres Glaubens oder einer bestimmten Glaubensvorstellung wegen getötet werden, alle, die während der Erfüllung einer Glaubenspflicht ( z. B. hadsch - "Pilgerfahrt") sterben und auch Frauen, die im Kindbett ihr Leben lassen.
Vom dar al-harb zum dar al-ahd
Mittelalterliche Muslime teilen die Welt in dar al-islam ("Gebiet des Islams") und dar al-harb ("Gebiet des Krieges") ein. Als dar al-harb wurden die Gebiete betrachtet, in denen Muslime ihren Glauben nicht bezeugen und ihren Glaubenspflichten nachkommen können, im dar al-islam herrschen Muslime und nur Muslime sprechen über Muslime Recht. In der Praxis hat diese Unterscheidung, die so absolut und ausschließlich kling, und die heute in den Befragungen der "Experten des Islams" immer wieder zur Sprache kommt, wenig Auswirkungen gezeigt - es war eine Rechtsfiktion, der die politischen Realitäten oft Hohn sprachen. Die muslimischen Kaufleute haben ihren Handel und die muslimischen Regionalfürsten der Grenzen haben ihre Händel und privaten Abkommen mit den Herrschern des dar al-harb gepflegt.
Entschärft wurde der Gegensatz noch durch die Bemühungen osmanischer Religionsgelehrter. Zwischen beiden Gebieten kann der Zustand des sulh, des Waffenstillstandes herrschen. Der war zwar theoretisch auf zehn Jahre begrenzt und sollte eigentlich nur der Aufrüstung dienen, aber die Osmanen machten reichlich Gebrauch davon, den während sie gegen die Habsburger Krieg führten hatten sie den katholischen König von Frankreich als Verbündeten und unterhielten gute, fast freundschaftliche Beziehungen mit Venedig und Genua und ungarischen Protestanten. Aus den Überlegungen zum Umgang von Muslimen und ausländischen Nichtmuslimen im Zustand des sulh entwickelten sich in der frühen Neuzeit Regelungen, die eine Art "islamisches Völkerrecht" bildeten.
Der osmanische Jurist Ibn Abidin aus Damaskus, der das wohl bedeutendste Kompendium der hanafi-Rechtsschule im 19. Jahrhundert schrieb, stellte fest, dass Muslime auch in nicht-muslimischen Staaten an deren Gesetze gebunden seien und keinerlei Feindseligkeiten begehen dürften. Es sei in keinster Weise erlaubt, die Güter, das Leben und die Ehre der Nichtmuslime anzugreifen.
Mit der stärkeren Interaktion zwischen Orient und Okzident, dem wissenschaftlichen Austausch und der Arbeitsemigration vieler Muslime nach Europa war eine Neubestimmung des friedlichen Austausches gefordert. Vor 50 Jahren wurde deshalb von der ulama, der Gemeinschaft der islamischen "Gelehrten", der Begriff dar al-ahd, "Gebiet des Übereinkommens" eingeführt, als eines Gebiet, in dem die Muslime ohne Behinderungen ihrem Glauben nachgehen können und in dem sie strengstens verpflichtet sind, Frieden zu halten.
» Fundamentalismus - der Islam in Verteidigungshaltung
Peter Heine: Terror im Namen Allahs. Extremistische Kräfte im Islam. Herder: Freiburg im Breisgau 2001