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Gemeindeleben

Muslime in Rheine

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ethnische Differenzierung
Gruppierungen
religiöse Orientierung
Moscheegemeinden
Islam in Alltag

ethnische Differenzierung

Die Stadt Rheine hatte nach Angaben des Bürgeramtes Ende 1998 72.310 Einwohner. Um den Anteil der Muslime an der Bevölkerung der Stadt zu ermitteln, kann man nur eine grobe Schätzung vornehmen, ausgehend von den Angaben über den Ausländeranteil. Denn in Rheine ist der Islam immer noch die "Religion der Fremden". Die deutschstämmigen Muslime lassen sich an einer Hand abzählen und sind zumeist Ehefrauen muslimischer Männer.

Die ethnische Zusammensetzung der Stadt Rheine:

Gesamtbevölkerung
Ausländer insgesamt
Türken
Jugoslawen/Kosovo-Albaner
Iraner
Libanesen
Bosnier
Marokkaner
Jordanier
Somalier
geschätzte Muslime

72.310
4.042
926
131
87
74
69
14
12
10
1.323

% der Einwohner
5,6 %
1,3 %







1,8 %

% der Ausländer

22,9 %







32,7 %

Daneben gibt es in Rheine noch eine Reihe von Nationalitäten, die unter sich wohl keine Muslime haben, und Nationalitäten, die mit weniger als 10 EinwohnerInnen vertreten sind. Selbst von den oben angegebene Nationalitäten darf man nicht annehmen, dass es sich ausschliesslich um Muslime handelt. Nicht alle gemeldeten Jugoslawen sind muslimische Albaner und unter den Türken und Libanesen gibt es auch orthodoxe Christen. Aber bei aller Vorsicht, die geboten ist, zeigen die Zahlen doch ein Bild, das dem bundesdeutschen Durchschnitt repräsentiert - nämlich ca. 2 % Muslime an der Gesamtbevölkerung, wobei die Türken in dieser Gruppe überrepräsentiert sind.

Gruppierungen

Die überwiegende Mehrheit (wohl 90 %) der Muslime Rheines sind Sunniten. Eine rein schiitische Gruppe bilden allein die Iraner. Die Tatsache, dass die Schiiten keine größere Gemeinschaft bilden, bzw. stärker säkularisiert sind (das gilt besonders für die hier ansässigen Iraner), hat zur Folge, dass sie keine eigene Moscheegemeinde gegründet haben. Beim Freitagsgebet oder bei den Festtagsgebeten trifft man zuweilen einen Schiiten in den beiden - sunnitischen - Moscheen an, ohne dass dies von beiden Seiten problematisiert würde.

Eine Sondergruppe in der Türkei bilden die Aleviten. Sie sind eine schiitische Sondergruppe, die die sunnitische Glaubenspraxis (Pflichtgebet, Fasten, Hadsch) ablehnt und auch stärker säkularisiert ist. Die Mitglieder dieser Gruppe pflegen einen "innerlichen" Islam, der sich auf einen "rechtschaffenen" Lebenswandel und eine tolerante Haltung gegenüber allen Religonen und Konfessionen konzentriert. Sie werden von der Mehrheit der Sunniten mit Argwohn beobachtet und gelten in deren Augen nicht als "vollwertige" Muslime. Wenn die Aleviten keine eigene Gruppe bilden können, die die eigene Identität stärken könnte, passen sie sich oft der sunnitischen Mehrheit an, schicken z. B. ihre Kinder in die Korankurse der sunnitischen Gemeinden und geben sich auch oft nicht mehr als Aleviten zu erkennen.

Die real existierende Gemeinschaft der Muslime ist keine monolithische Gemeinschaft, die nur aus dem Islam heraus zu definieren wäre. Ihre individuelle Geschichte, die politische und kulturelle Entwicklung in den Herkunftsländern und die Einbindung oder Abgrenzung in Deutschland hat eine Bandbreite von Einstellungen und Orientierungen entstehen lassen, die von bruchloser und ungefragter Weiterführung traditioneller Religiosität bis zur völligen Ablehnung jeglicher religiöser Praxis reicht. Scharfe Brüche mit der traditionellen Religionspraxis sind aber nach meiner Beobachtung selten. Das religiöse oder areligiöse Klima des Familienverbandes legt die Einstellung des Einzelnen fest. Interessant ist weiterhin, dass in einer kleinen und überschaubaren Gemeinde wie Rheine der Anpassungsdruck der Mehrheit dafür zu sorgen scheint, dass extreme Orientierungen und Meinungsäußerungen gar nicht erst auftreten.

religiöse Orientierung

Wenn man die religiöse Orientierung einer Bevölkerung oder Bevölkerungsgruppe beurteilen will, so wird bei den Christen oft der Prozentsatz der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung und der Besuch des Sonntagsgottesdienstes herangezogen.

Für die Muslime Rheines heißt dass nun, das sich unter den rund 1.300 Muslimen 210 eingetragene Mitgliedern von Moscheegemeinden befinden. Da nur Familienvorstände Mitglied sind, muss man diese 210 Mitglieder mit einer angenommen Familienstärke von 4 Personen multiplizieren und käme dann zu der Aussage, dass rund 65 % der Muslime Mitglied einer Moscheegemeinde sind. Hier ist aber zu beachten, dass für das "Muslim-Sein" weder ein Aufnahmeritual wie eine Taufe oder eine Registrierung in einer Gemeinde nötig ist. Demjenigen, der z. B. nicht Mitglied einer Gemeinde ist, würde man die Teilnahme am Festgebet oder ein muslimisches Begräbnis nicht verweigern. Insofern sagt diese Zahl von 65% nicht aus, dass sich der Rest nicht als Muslim fühlt oder die Religion grundsätzlich ablehnt - es heißt erst einmal nur, dass man sich nicht in eine bestehende Gemeinde einbinden will.

Während alle Muslime ihre täglichen Pflichtgebete Zuhause oder an jedem anderen sauberen Ort beten können, gibt es nun einmal in der Woche ein Gebet, das in der Gemeinschaft, in der Moschee verrichtet werden sollte - und das ist das Mittagsgebet am Freitag (türk.: "Cuma Namazi"). Diese Verpflichtung gilt freilich nur für Männer, genauer gesagt für erwachsene Männer. Das heißt nun freilich nicht, dass Frauen dies untersagt ist, es bedeutet nur, das die Teilnahme freiwillig ist, während sie bei den Männern verpflichtend ist. Eine Schätzung der Teilnehmer beim Freitagsgebet kommt nach eigener Beobachtung bei den beiden Gemeinden zu dem Ergebnis, dass sich hier jeweils mehr als die Hälfte der eingetragenen Mitglieder einfinden: also rund 40 Teilnehmer in der Moschee des VIKZ in der Elter Strasse und rund 80 Teilnehmer in der DITIB-Moschee in der Münsterstrasse. Dabei muss man bedenken, dass es nicht jedem möglich ist, am Freitag Mittag gegen 14.00 den Arbeitsplatz zu verlassen.

Wenn man mit diesen Zahlen eine grobe Einteilung vornehmen will, kommt man zu folgender grober Einteilung:

Moscheegemeinden

Die erste muslimische Gemeinde Rheines war die 1973 gegründete Gemeinde des Verbandes der Islamischen Kulturzentren, die zuerst in der Hansastrasse beheimat war.
Moscheegemeinde: « Islamisches Kulturzentrum

Hier fanden sich türkische Muslime zusammen, um die notwendigsten Gemeinschaftsaufgaben miteinander bewältigen zu können. Und das war erst einmal nur die Bereitstellung eines genügend großen Raumes für das Freitags- und die Festgebete. Die Vorbeter kamen zunächst aus der eigenen Gemeinde. Man sah noch keine Notwendigkeit, sich nach aussen zu öffnen oder mitzuteilen. Ende der siebziger Jahre konnte man in die Sternstrasse umziehen. Dort war eine Beratungs- und Begegnungsstätte der AWO für Türken und Jugoslawen eingerichtet worden. Im Stockwerk über dieses Einrichtung wurde dann ein größerer Gebetsraum eingerichtet, der maximal 100 Personen fassen konnte.

Wenn man türkische Muslime aus dieser Zeit erzählen hört, so wird immer wieder der Zusammenhalt und die Solidarität dieser ersten Gemeinde herausgestrichen bzw. manchmal sogar verklärt. Ernste Spannungen gab es Mitte der 80er Jahre. 1985 wurde in Köln der Verband DITIB "Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion" gegründet. Hier fanden sich türkische Gemeindemitglieder angesprochen, die eine stärkere Bindung ihrer Gemeinde an die offiziell vertretene Religionspolitik des türkischen Ministeriums für religiöse Angelegenheiten wünschten. Es war eine Zeit, in der die offizielle Politik der Türkei unter der Regierung Özal mit den Schlagwort "Türkisch-Islamische Synthese" um die Unterstützung der religiös orientierten Türken warb.

Die entgültige Abspaltung einer eigenständigen DITIB-Gemeinde in Rheine vollzog sich freilich an einem ganz konkreten Punkt. Zu dieser Zeit fiel der Fastenmonat Ramadan in die Sommerzeit und nach der Gebetszeitenberechnung des Verbandes VIKZ aus Köln war eine Festlegung des Nachtgebetes nicht mehr möglich, da um ca. 1.30 schon Morgendämmerung eintrat. So sollte dann das dem Ramdanmonat vorbehaltene Teravih-Gebet in der Gemeinschaft, das an das Nachtgebet geknüpft war ausfallen. Der Kalender, den der Verband DITIB präsentierte, war mit einigen anderen muslimischen Ländern abgestimmt und zeigte gegenüber der Kalender des VIKZ ein um ca. 1 Stunde vorgerücktes Nachtgebet - hier war also ein Teravih-Gebet möglich. Für die Gemeindemitglieder, denen die Teilnahme an diesem Gebet auch in Deutschland ein spirituelles Bedürfnis war, konnte sich DITIB so als flexiblere Alternative präsentieren. So kam es dann, dass 1985 eine eigenständige DITIB-Gemeinde gegründet wurde, die ihr erstes Unterkommen in einem Altbau in der Humboldtstrasse fand. Diese Gemeinde war aber auch die erste in Rheine, die Ende der 80er Jahre zum ersten Mal deutsche Nicht-Muslime zum Fastenbrechen im Ramadan einlud.
Moscheegemeinde: » Türkisch-Islamische Kulturunion

Die beiden ersten Gemeinden waren rein türkische Gemeinden. Freitagspredigt, Ankündigungen und Unterricht fanden nur in Türkisch statt. Der Anteil der arabischsprachigen Muslime, der in den 80er Jahren durch Bürgerkriegsflüchlinge aus dem Libanon leicht anstieg, blieb immer so gering, dass in Rheine keine arabischsprachige Moscheegemeinde entstand. Die nächste arabischsprachige muslimische Gemeinde fand sich in Münster. So kam es, dass sich diese Muslime den beiden türkischen Gemeinden anschlossen, zumeist zwar nicht als eingetragene Gemeindemitglieder, sondern Besucher von Freitags- und anderen Gebeten. Die Teilnahme am Gebet selbst ist für Muslime unterschiedlicher Sprache kein Problem, da die "Liturgie" und die arabischen Texte überall auf der Welt gleich sind.

Ein Problem stellte für viele muslimische Eltern der Religionsunterricht dar. Muslimische Kinder nehmen in Deutschland nicht am christlichen Religionsunterricht teil. Sie erhalten aber einen muttersprachlichen Unterricht von 4 Wochenstunden. Im türkischen muttersprachlien Unterricht kann auch Unterweisung in religiöser Ethik stattfinden. In Rheine konnte aber selbst der muttersprachliche Unterricht für arabischsprachige Kinder bis 1999 nur behelfsmäßig und aus eigener Iniative erfolgen.

Vielen türkischsprachigen Muslimen genügte auch die religiöse Unterweisung im Schulunterricht nicht. Für eine Einweisung in das Plichtgebet und die Gebete werden bevorzugt die beiden Moscheen in Anspruch genommen. Der Imam oder andere Beauftragte unterrichten dort Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren am Wochenende oder wenn dies gewünscht wird, auch täglich in den Ferien. Der Unterricht dauert zumeist 1-2 Stunden und befaßt sich zunächst mit dem Auswendiglernen der Gebetstexte und einer Darstellung der Grundlagen des Islam. Um die notwendigen Texte zu beherrschen, genügen zumeist ca. 40-60 Unterrichtstunden. Später kann dann eine Einführung in Koranlektüre und Koranrezitation erfolgen. Solche Kurse werden in Rheine mittlerweile auch verstärkt von Kindern arabischsprachiger Muslime in Anspruch genommen. Dabei beherrscht der oder die Unterrichtende aber oft nicht genügend Deutsch, so dass die türkischen Schüler schon einmal für ihre arabischsprachigen Mitschüler übersetzen müssen. Die VIKZ-Gemeinde in der Elter Strasse bietet für einen Grundkurs und einen erweiterten Unterricht für Mädchen sogar ein Unterbringung am Wochenende in ihrem Gebäude an. Diese Art des Unterrichts - im Kern zunächst eine "Einweisung ins Pflichtgebet" - wird in der deutschen Öffentlichkeit oft "Koranschule" genannt, sie ist aber flexibler als oft angenommen. So wird zum Beispiel mittlerweile darauf geachtet, dass die Freizeit der Kinder nicht zu sehr beschnitten wird und die schulischen Leistungen nicht darunter leiden. Ob freilich die pädagogischen Fähigkeiten und didaktischen Fertigkeiten der Unterrichtenden immer ausreichen oder deutschen Vorstellungen entsprechen, wage ich zu bezweifeln.

Die beiden Moscheegemeinden akzentuieren sich im Bewußtsein ihrer Mitglieder unterschiedlich. Während die Mitglieder der DITIB-Gemeinde sich als primär türkische Muslime betrachten, die der türkischen Republik gegenüber verpflichtet sind, wird die offizielle Religions- und Kulturpolitik des Heimatlandes von vielen VIKZ-Mitgliedern kritisch gesehen. Während VIKZ-Mitglieder mehr die Eigenständigkeit ihrer Dachorganisation in Deutschland hervorheben, betonen die DITIB-Mitglieder die Unterstützung aus der Türkei. Eine Aussage, dass die VIKZ-Mitglieder konservativer oder "fundamentalistischer" als die der DITIB-Gemeinde seien, kann ich so pauschal nicht akzeptieren. In beiden Gemeinden ist ein traditioneller Islam präsent, der sich noch problemlos in das religiöse Leben der Heimat fügen kann. Das "spirituelle" Klima in der VIKZ-Gemeinde ist aber wohl deshalb stärker spürbar, weil Gemeindeleitung und Geistlichkeit in die Nakschbandi-Tarika eingebunden ist.
Dachverband: « VIKZ
Dachverband: « DITIB

Die Unterschiede zwischen den beiden Gemeinden können sich - z. T. auch mit polemischen Auseinandersetzungen - zuspitzen, wenn türkische Tagespolitik zur Sprache kommt. Solche Streitpunkte bestehen z. B. in der Frage des Verbotes eines Kopftuches für Schülerinnen und Studentinnen. Dann wird die Politk der DITIB, die sich immer an der Seite des laizistischen Staates hält, von der anderen Seite als "Verrat an islamischen Grundsätzen" gebrandmarkt. Andererseits wird dann dem VIKZ unterstellt, er sei sektiererisch und pflege eine obskure Heiligenverehrung für seinen "Usta" (Meister) Süleyman Hilmi Tunahan.

Aber trotz aller Differenzen und gelegentlicher Polemik ist es noch nicht soweit gekommen, dass die Mitglieder der einen Gemeinde nicht mehr mit denen der anderen Gemeinde zusammleben oder beten könnten. Es ist üblich, das ein oder andere Freitagsgebet oder das Teravih-Gebet im Ramandan auch in der anderen Moschee zu vollziehen. Bei Hochzeitsfeiern, Beschneidungsfesten oder Totengebeten ist es selbstverständlich, dass man sich gegenseitig in der anderen Moschee aufsucht.

Islam im Alltag

Die Moschee ist ein Ort des Gebetes, aber das fünfmalige Pflichtgebet kann man auch Zuhause verrichten. Es gilt freilich als verdienstlicher, das Gebet in Gemeinschaft zu verrichten. Infolgedessen sind auch die Moscheen zu den fünf Tagesgebeten geöffnet. Es finden sich freilich nur wenige Beter ein, die entweder in der Nähe wohnen, oder auch nach dem Gebet mit anderen Gemeindemitgliedern einen Plausch machen wollen. Eine Ausnahme bietet vielleicht noch der Donnerstag, zur Zeit des Abendgebetes und Nachtgebetes, denn das Gebet in der Nacht von Donnerstag auf Freitag ( der Freitag beginnt mit dem Nachtgebet am Donnerstag Abend) gilt als besonders heilbringend.

Zuhause werden die Gebetszeiten in den Familien nicht von allen Familienmitgliedern gleich streng eingehalten - wenn überhaupt gebetet wird. Oft ist es so, dass nur die ältere Generation sich zum Gebet zurückzieht. Die - täglich wechselnden - Gebetszeiten werden von einem Abreißkalender abgelesen, der in den Gemeinden erhältlich ist. Gebetet wird meist einzeln für sich, jeder zieht sich dazu in sein Schlafzimmer zurück und breitet dort seinen Gebetsteppich aus. Im Wohnzimmer wird seltener gebetet, es sei denn, es sind Gäste da, dann werden auch hier schon einmal die Teppiche ausgebreitet. Da es verpönt ist, in der Richtung des Gebetes eine Abbildung aufzustellen, werden dann schnell Fotografien oder Bilder an der Wand oder auf einem Buffet umgedreht.

Am Arbeitsplatz ist es so gut wie gar nicht möglich, zu beten. Die wenigsten Betriebe haben dafür einen Raum zur Verfügung gestellt, oder erlauben eine solche Arbeitsunterbrechung, die ja 10 bis 15 Minuten in Anspruch nehmen könnte. Die meisten Muslime sprechen auch nicht dafür vor sondern geben sich damit zufrieden, am Feierabend Zuhause auf der Arbeit versäumte Gebete nachzuholen.

Da das Mittagsgebet am Freitag von allen erwachsenen Männern aufgesucht werden sollte, bemüht sich jeder - sofern dies seine Arbeitszeitregelung zuläßt - dort rechtzeitig in der Zeit von 13.30 bis 14.30 einzutreffen. Die Frauen bleiben diesem Gebet zumeist fern. Das Freitagsgebet beginnt mit einer ca. 20minütigen Koran oder Hadith-Exegese, währenddessen die ersten Besucher eintreffen. Nach dem Ezan wird ein Sunna-Gebet gebetet, danach erfolgt die "Hutbe", die ca. 10minütige Predigt, die Bezug auf den Kalender oder die vorangegangene Exegese nimmt. Sowohl Spirituelles als auch konkrete Anweisungen für das Alltagsleben haben hier Platz. Nach der Predigt findet dann das eigentliche Gebet statt, das bis zu 15 Minuten dauern kann.

Als eigentliche Feiertage mit eigenem Gottesdienst gelten allein zwei Feste. Das Morgengebet am Id-al-Fitr, oder türkisch Scheker Bayram (Zuckerfest), am Ende des Fastenmonats Ramadan und das Morgengebet am Id-al-Adha, oder türkisch Kurban Bayram (Opferfest), im Monat der Hadsch. Hier werden ein relativ kurzes Festgebet mit kurzer Predigt verrichtet und die Moschee ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem Gebet werden Süßigkeiten herumgereicht und vor der Moschee begrüßen und beglückwünschen sich alle. Die folgenden Tage werden genutzt, um den Kindern Geschenke zu machen und Verwandte und Freunde zu besuchen.

Der Fastenmonat Ramadan wird von nahezu allen Muslimen gehalten, auch von denen, die sonst die Moscheen nicht regelmäßig aufsuchen. Die, die sich den Regeln des Islams und dem vorgeschriebenen Fasten von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang nicht unterwerfen, halten sich zumindest mit Alkoholkonsum zurück. Den Kindern wird das Fasten freigestellt. In diesem Monat gibt es eine Fülle von Einladungen und Gegeneinladungen zum "Iftar", dem feierlichen Fastenbrechen, zu dem meist reichlich und gut aufgetischt wird. Oft geht man dann nach dem Iftar gemeinsam in die Moschee zum Teravih-Gebet. Im Ramadan wird auch zumeist die Pflichtabgabe "Zakat" entrichtet.

Das Opferfest erfordert auch eine besondere Spende. Jedes erwachsene Familienmitglied, das wirtschaftlich dazu in der Lage ist, sollte ein am ersten oder zweiten Tag des Festes ein Tier, Schaf oder Kalb, als Opfer schlachten lassen. Das Fleisch des Tieres soll sowohl den Familienangehörigen als auch den Verwandten, Nachbarn und den Bedürftigen zukommen. Die wenigsten Muslime unterziehen sich aber hier in Rheine noch der Mühe, an diesem Tag einen Landwirt aufzusuchen und dort vor Ort ein Schaf schlachten zu lassen. Die meisten lassen es dabei bewenden, einen Betrag von 200 bis 250 DM für ein Schaf einem Verwandten oder der Moschee zukommen zu lassen, die dann für dieses Geld ein Tier erwerben, in der Türkei schlachten lassen und dann an Notleidende weitergeben.

Für jeden Muslim ist einmal im Leben die Pilgerfahrt zur Kaaba nach Mekka vorgeschrieben. Diese muß in einem bestimmten Monat erfolgen. Die Fahrt nimmt heute mit den Veranstaltern der Moscheegemeinden ca. 3-4 Wochen in Anspruch und ist mit Kosten in Höhe von 3.500 bis 5.000 DM pro Person verbunden. Reisen sollte man gemäß der Tradition erst, wenn die eigenen Angehörigen alle versorgt sind und man selbst keine Schulden hat - da man ja bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auf der gefahrvollen und langen Reise versterben könne. Obwohl die Gefahren nicht mehr vorhanden sind, machen sich auch heute noch die meisten Pilger aus Rheine erst im fortgeschrittenen Alter jenseits der Fünfzig, wenn Söhne und Töchter bereits verheiratet sind, auf den Weg. Da das Reisen alleinstehender Frauen bestimmten Beschränkungen unterliegt, verreist ein Ehepaar zumeist zu zweit. Die Rückkehrer dürfen den Ehrentitel "Hadschi" tragen und werden im Alltag oft auch so angeredet. Ca. 5-10 % aller älteren Muslime Rheines hat diese Fahrt schon vollzogen sich.

Kurz vor der Abreise werden Verwandte, Nachbarn und Freunde zu einer "Mevlüd"-Feier eingeladen, bei der die Reisenden Geldgeschenke oder Praktisches für die Fahrt erhalten. Nach der Rückkehr haben diese dann die Verpflichtung, die Zurückgebliebenen bei einer Feier mit frommen Souvenirs aus Mekka oder Medina, Rosenkränzen, Gebetsteppichen oder Wasser vom Brunnen Zamzan zu beschenken.

Problematisch sind Bestattungen. Die Vorschriften für eine islamische Bestattung erfodern eine Behandlung des Toten und des Grabes, die so in Deutschland nicht gewährleistet werden kann:

Mit diesen Bestimmungen wird man in Konflikt mit der gängigen Friedhofsordnung kommen. Nur in wenigen Orten der Bundesrepublik hat sich eine genügend große muslimische Gemeinde gefunden, die all diesen Bestimmungen vor Ort auf einem eigenen Friedhofsareal nachkommen kann. Infolgedessen werden fast alle muslimischen Verstorbenen in die "Heimat" überführt und dort bestattet - was selbst bei einer Überführung mit dem Flugzeug immer noch billiger kommt als eine Bestattung in Deutschland. Da aber immer mehr Muslime hier ihren Lebensmittelpunkt haben, wird sich das in absehbarer Zeit grundsätzlich ändern, und die Frage nach einer eigenen Friedhofsfläche mit eigener Friedhofsordnung wird immer dringender - auch in Rheine.

Verweise

« Islamisches Alltagsleben in Deutschland von Thomas Lemmen und Melanie Miehl. Bonn 2001.
Eine Dokumentation der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

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wilhelm sabri hoffmann - rheine - 2004