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TerrorismusDer 11. September 2001 |
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Vier mögliche Antworten auf die Frage: Wer ist für den 11. September verantwortlich?
1. Position: "Der Islam ist an allem schuld!"
2. Position: "Das hat mit Islam oder Religion gar nichts zu tun!"
3. Position: "Das ist eine Perversion des Islam!"
4. Position: "Religion führt zu Gewalt"
Zeigt uns hier in Europa der Islam nur eine Maske?
Das beredte Schweigen der islamischen Welt?
Die fehlende Lehrautorität - ein Defizit?
Jeder Muslim ist aufgefordert, Stellung zu beziehen
Die Attentäter des 11. September unter dem Urteil muslimischen Rechtsempfindens
Wenn man die Reaktionen der westlichen Welt auf den Anschlag des 11. September betrachtet,kann man vier Positionen erkennen, zwischen denen sich die Diskussion bewegt.
Die Darstellung dieser vier Positionen orientiert sich an einem Beitrag von Johannes Kandel.
1. Position: "Der Islam ist an allem schuld!"
Eine erste Position vornehmlich aus dem rechten Umfeld verdächtig den Islam pauschal: "Der Islam ist an allem schuld!". Diese Religion an sich sei die globale Bedrohung unserer Zivilisation. Terrorismus sei nur die Speerspitze einer tödlichen Gefahr aus dem "Orient", sekundiert von der "fünften Kolonne", d.h. der Muslime in Europa. Der Islam hat so den Kommunismus als größte Bedrohung der Menschheit abgelöst. Im evangelikalen Kreisen ist der Islam, die Karikatur des Christentums durch einen gewalttätigen und machtbesessenen Propheten, der Antichrist schlechthin. - Aber: Die Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime - ein Fünftel der Weltbevölkerung - mit dem Rest der Welt in Frieden leben will, und auch lebt, und dass dieser Friedenswille von ihnen auch religiös begründet wird, wird dabei ausgeblendet.
2. Position: "Das hat mit Islam oder Religion gar nichts zu tun!"
Eine zweite Position vornehmlich aus dem linken politischen Umfeld lässt den Islam ganz aus ihren Überlegungen aus: "Das hat mit Islam oder Religion gar nichts zu tun!" Die Attentäter seien politische Extremisten und Psychopathen. Es wird unterschieden zwischen "Islamismus" als extremistischer politischer Ideologie und dem Islam als Religion. Die Attentäter sind hier zuerst Globalisierungsgegner und Feinde Amerikas, ihr Angriffsziel sei nicht die westliche Zivilisation, sondern der "planetarische Turbokapitalismus". Ihre Unterstützung käme nicht aus religiösem Fanatismus, sondern aus dem Gefühl der Demütigung der unterdrückten und verarmten arabischen Massen - Aber: Die tiefe Verwurzelung der Täter und ihrer Unterstützer in ihrer Religion wird ausgeblendet, ebenso wie die Tatsache, dass es einen Islamismus ohne Islam nicht geben kann.
3. Position: "Das ist eine Perversion des Islam!"
Verwandt hiermit scheint auf den ersten Blick eine dritte Position zu sein, die unter wohlmeinenden Experten oder liberalen Gutmenschen common sense ist: "Das ist eine Perversion des Islam!" Einer Idealgestalt des Islams, einem "authentischen" Islam, der Frieden, Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle Menschen will, steht eine Karikatur, eine Degeneration und Instrumentalisierung des Islams für politische Ziele entgegen. Die Täter seien keine "Muslime" mehr, sondern "Nihilisten", sie beriefen sich zu Unrecht auf den Koran und die islamische Tradition. Sie seien die fehlgeleiteten Kinder einer über ihre eigenen Wurzeln unaufgeklärten und geistig verarmten muslimischen Moderne. - Aber: Wie bei der zweiten Position müssen wir auch hier fragen: Ist denn Islamismus ohne Islam überhaupt denkbar? Und kann die Degeneration denn ihren Stamm so radikal verleugnen; trägt sie nicht bestimmte Anlagen in sich, die auf den Ursprung verweisen?
4. Position: "Religion führt zu Gewalt"
Eine vierte Position der aufgeklärten und säkularen Weltbürger sieht in jeder Religion eine treibende Kraft zum Bösen, sie liefert immer die Motivation zu Aggression und Gewalt gegenüber dem Ungläubigen und dem Andersgläubigen, weil sie Menschen durch ihre Verpflichtung auf ein "Letztes" und Absolutes, eben Gott, in totale Knechtschaft bis hin zum Märtyrertum und zur Verleugnung des humanum treibe: "Religion führt immer zu Gewalt!" Religion ist das "mittelalterliche" und monströse Sicherheitsrisiko für die säkulare, "aufgeklärte" westliche Welt. Der Islam sei dabei nur eine besonders "unaufgeklärte" Religion, er hat noch nicht die tödlichen Schläge durch die aufgeklärte Moderne erhalten, die das Christentum schon empfangen habe. - Aber: Haben religiöse Führer, darunter auch Muslime, nicht immer wieder zu Besonnenheit und Gewaltverzicht aufgerufen? Empfangen nicht gerade religiös geprägte Menschen einen starken Impuls aus ihrem Glauben, Frieden und Geschwisterlichkeit unter allen Menschen erlebbar werden zu lassen? Und - diese Frage muss gerade den "Fundamentalisten des Säkularismus" auch gestellt werden - sind nicht die größten Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts - es seien nur Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot genannt - unter Berufung auf säkulare Heilslehren und zutiefst religionsfeindliche Ideologien geschehen?
Zeigt uns hier in Europa der Islam nur eine Maske?
Können allein diese Antworten in ihrer Ausschließlichkeit nicht befriedigen, so sehen wir uns wohl gezwungen, den Islam, seine Lehren und Aussagen genauer wahrzunehmen. Dabei stoßen wir aber - wenn wir Stellungnahmen des Islams zu den Ereignissen des 11. September einfordern - auf eine für westliche Menschen irritierende Situation. Wir finden widersprüchliche Aussagen und Nachrichten aus unterschiedlichen Teilen der westlichen und östlichen Welt - hier spricht ein hodscha einer lokalen Moscheegemeinde sich gegen die Attentate als Taten aus, die der Islam nicht rechtfertigen kann, dort präsentieren die Medien jubelnde pakistanische Massen, die Bilder Bin Ladins hochhalten. Hat der Islam zwei Gesichter und zeigt er uns etwa hier, wo er in einer schwächeren Position, nämlich einer Minderheitenposition ist, nur die Maske der Verstellung?
Das beredte Schweigen der islamischen Welt?
Aber was hier im Westen am meisten verblüfft: Es gibt keine eindeutige Stellungnahme einer Autorität, die im Namen des Islams spricht, und - so mag der eine oder andere gewünscht haben - die Täter "exkommuniziert" und von der Gemeinschaft der Muslime ausschließt. Ursache für dieses vermeintliche bewusste Schweigen ist freilich nicht böser Wille oder mangelnde Sensibilität für westliche Befindlichkeiten, sondern die Tatsache, dass der Islam eine Religion mit einer wenig ausgeprägten hierarchischen Struktur ist. Niemand, auch nicht ein Vertreter einer so angesehenen Lehranstalt wie der Al-Ahzar Universität in Kairo, ist durch seine hierarchische Funktion dazu legitimiert, repräsentativ "für den Islam" zu sprechen. Und niemand hat das Recht einem Muslim, so schlimm auch seine Taten sein mögen, das Muslimsein abzusprechen, solange dieser den Islam als solchen nicht erkennbar zurückweist.
Die fehlende Lehrautorität - ein Defizit?
Diese fehlende und verbindliche Lehrautorität, die Europäern vielleicht als Defizit erscheinen mag, ist aber in der Geschichte der islamischen Welt ein ungeheurer Vorteil gewesen. Wir Muslime kennen in unserer Geschichte keine Religionskriege der Konfessionen, keine Ketzerausrottungen und keine konfessionellen Vertreibungen, die die Geschichte Europas für mehrere Jahrhunderte bestimmt haben.
Jeder Muslim ist aufgefordert, Stellung zu beziehen.
Jedem Muslim bleibt nun nichts anderes übrig, als seine eigene Position zu beziehen und sich selbst für sie zu verantworten - freilich auch immer in Bezug auf die vorliegenden Antworten der Religionsgelehrten. Und da der Koran davon spricht, dass es Aufgabe jedes Muslims ist, "zum Guten aufzurufen, und zu gebieten, was recht ist, und zu verbieten, was verwerflich ist" (Surâ 3:104), ist es für jeden Muslim legitim, auch zum 11. September Stellung zu beziehen. Und eine Tradition des Propheten Muhammad, dem wir Muslime Gottes Segen und Frieden wünschen, sagt, wie dies zu geschehen habe, wenn man etwas so Verwerflichem wie dem Anschlag des 11. September entgegentrete: Mit der Hand, indem man durch tätigen Einsatz solchen Tätern in den Arm falle, mit der Zunge, indem man ihr Tun als Unrecht öffentlich bezeuge, und falls auch dies nicht möglich sei, mit dem Herzen, indem man Abscheu über diese Tat empfindet und für die künftige Abwendung solchen Unheils bete.
Die Attentäter des 11. September unter dem Urteil muslimischen Rechtsempfindens
Die Attentäter des 11. September haben gegen mehrere Prinzipien und Einzelbestimmungen des muslimischen Rechts verstoßen. Sie haben Krieg und Terror in einem Gebiet ausgeführt, gegen das eine Kriegserklärung, von einer anerkannten staatlichen oder muslimischen Autorität ausgerufen wurde. Sie haben ihre Tat gegen einen Staat ausgeführt, in dem die Muslime ihre Religion frei ausüben können - ja sogar noch freier und ungehinderter als in manchen Ländern, die sich islamisch nennen. Sie haben Unschuldige, Frauen, Kinder und Nichkombattanten, darunter sogar eine Reihe von Muslimen getötet. Sie haben den Anschlag heimtückisch und grausam ohne Warnung ausgeführt. Die Ausführung selbst war maßlos. Durch den Anschlag haben sie dem Ansehen der Gemeinschaft der Gläubigen, der umma, großen Schaden zugefügt, Sie haben nicht die Einheit dieser umma gestärkt, sondern fitna, "Streit", in der umma heraufbeschworen. All das müsste genügen, ihnen den selbstbeanspruchten Rang eines "schahids", eines Märtyrers oder Glaubenszeugen, abzusprechen. Für Terroristen wie sie, die wie in der 5. Sure, 33. Vers, beschrieben "im Land umherreisen und Unheil stiften" und unschuldige Bewohner eines Landes töten, haben die Juristen des islamischen Rechts eigentlich die Todesstrafe vorgesehen.
Die überwältigende Mehrheit der islamischen Welt hat auf die Ereignisse des 11. Septembers mit Abscheu reagiert. Reaktionen von jubelnden Massen wie in Pakistan sind dagegen Einzelfälle aber durch die Medien verstärkt präsentiert worden. Den modernen, moderaten oder traditionalistischen Muslimen ist bewusst, dass hier - selbst bei größter Ablehnung des Westens - ein Grenze überschritten ist, der man sich nicht hätte nähern dürfen.
« Johannes Kandel: Islam und Muslime in Deutschland Internationale Politik und Gesellschaft Online. International Politics and Society 1/2002
» Fundamentalismus - der Islam in Verteidigungshaltung
Peter Heine: Terror im Namen Allahs. Extremistische Kräfte im Islam. Herder: Freiburg im Breisgau 2001