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Das falsche Buch zur rechten Zeit

Eine Polemik zu "Der Krieg in unseren Städten"

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» Auszüge aus dem Buch mit kritischen Anmerkungen

Presseberichte, Rezensionen und Online-Publikationen

Da kommt ein Journalist der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach Rheine und liest auf einer Veranstaltung des CDU-nahen Vereins "Europa-Brücke" am 17. Juni im Kloster Bentlage in Rheine aus seinen neuesten Buch. Das allein würde noch niemanden bei sommerlichen Temperaturen abends ins historische Gebäude locken, wären da nicht der Titel des Buches und die Versprechungen des Klappentextes: "Deutschland wird unterwandert. Gewaltbereite Islamisten tarnen sich als friedliebende Muslime und verbergen sich in islamischen Vereinigungen, deren Einfluss bis in die hintersten Winkel unserer Gesellschaft reicht. Und während die Repräsentanten des offiziellen Islam von der deutschen Öffentlichkeit für ihre Toleranz und den Dialog mit den Religionen gewürdigt werden, rüstet eine kleine Minderheit zum Angriff auf unseren Rechtsstaat."

Also ein Buch zur rechten Zeit, denn allenthalben wissen wir seit dem 11. September 2001 um die Gefährdung von demokratischen Werten und der abendländischen Zivilisation durch islamistische Terroristen. Ob's denn nun Zufall ist, dass die Veranstaltung in Dormitorium, dem "Schläfer-Saal" des ehemaligen Klosters stattfinden wird?

Aber gerade für mich, als Muslim in Deutschland, dürfte dies das rechte Buch sein, denn im Vorwort, auf Seite 11, heisst es: "Der Autor ist davon überzeugt, dass die meisten deutschen Muslime keine Ahnung davon haben, was in ihrem Namen und hinter ihrem Rücken geschieht. Um es ganz deutlich zu sagen: Dieses Buch ist NICHT repräsentativ für die Mehrheit der Muslime in der Bundesrepublik." Da bin ich aber erleichtert, denn dem Verdacht des Islamismus oder Fundamentalismus setzt man sich heute als Muslim oft schon aus, wenn man das Recht einer Glaubensschwester verteidigt, sich im Beruf ihrer religiösen Überzeugung gemäß sittsam und mit Kopftuch zu bekleiden. Und was hinter meinem Rücken und in meinem Namen geschieht, dass möchte ich sehr wohl wissen. Denn ich bin es leid, mich als deutscher Muslim ständig unter Rechtfertigungsdruck zu anstehenden Steinigungen in Nigeria, Anschlägen auf Bundeswehrangehörige in Afghanistan und Hausdurchsuchungen in Münster und in der Eifel Stellung zu beziehen und Wohlverhalten bescheinigt zu bekommen.

Aber der Titel der Veranstaltungsankündigung in der Münsterländischen Volkszeitung vom 12. Juni lässt es mir wieder kalt den Rücken herunterlaufen: "Wird Deutschland vom Islam unterwandert? Udo Ulfkotte liest am Donnerstag, 17. Juli, im Kloster Bentlage aus seinem Buch über islamistische Aktivitäten in Deutschland." Da haben wir ihn wieder, den Taschenspielertrick: vom Islamismus zum Islam, von der politischen Ideologie einer Minderheit zur Religion eines Fünftels der Menschheit, vom Terroristen zum Gläubigen.

» Wird Deutschland vom Islam unterwandert? Münsterländische Volkszeitung 12.07.2003

Und bei dieser - vielleicht ungewollten und unbedachten? - aber so typischen und entnervenden Verschiebung vom Politischen ins Religiöse, die den Generalverdacht des Terrorismus auf jeden Gläubigen ausweiten kann, stellt sich für mich trotz der Zusicherung des Klappentextes die Frage: Ist das wirklich das richtige Buch, der richtige Autor und die richtige Veranstaltung?

Die Veranstaltungsankündigung der Münsterländischen lässt da arge Zweifel aufkommen. Denn sie stellt nur in Frage, nimmt aber keine Stellung. Zu gegensätzlich sind die vorgefundenen Stellungnahmen zum Autor: "Einige sehen in ihm den versierten Terrorismus-Experten, der die Augen öffnen will für die 'Gefährlichkeit des radikalen Islam in Deutschland'. Andere fürchten dagegen einen 'Hardliner' und 'Verschwörungstheoretiker', der mit 'undurchsichtigen Informationen aus Geheimdienstkreisen'' verantwortungslos provoziert und eine ernsthafte Auseinandersetzung über das Problem des radikalen Islam erschwert."

Um es auf den Punkt zu bringen und die Zweifel in der Münsterländischen zu lösen: Ich halte das Buch für das falsche Buch zur rechten Zeit, ein Buch, dass bestehende Vorurteile und Ängste bedient, statt darüber aufzuklären, Personen denunziert und schlechte und oberflächliche Recherche mit einer unangreifbaren Aura von Geheimdienstdossier und brisanter Insiderinformation tarnt.

Das falsche Buch?

Udo Ulfkotte trägt dick auf: "Der Autor kennt sie alle, die Schwächen und Vorlieben der in Deutschland lebenden Islamisten. Und er kennt ihre Vorstrafen, Adressen, Telefonnummern und Namen, die er allein aus juristischen Gründen in diesem Buch abkürzen musste. Nicht nur Islamisten dürfte das verwundern." (S. 18) In der Medienlandschaft Deutschlands gilt der Redakteur der FAZ als Terrorismus-Experte, der auch an der Uni Lüneburg über Wirtschaftsspionage doziert. Nach dem 11. September war er ein vielgefragter Kommentator, um TV-Zuschauern und Lesern die Verflechtungen internationaler Terrornetzwerke darzulegen. Mittlerweile darf er gar als "Islam-Experte" (so vom Sender 3sat) angesprochen werden.

Durchsucht man aber sein neuestes Werk nach wirklich brisanten Erkenntnissen, so ist man enttäuscht. Vieles, was er anführt, ist schon anderswo besser, ausführlicher und nüchterner beschrieben worden: bei Ursula Spuler-Stegemann, Thomas Lemmen, Udo Steinbach oder Ahmet Senyurt. Und das was Ulfkotte mehr bietet, beruft sich auf dubiose Quellen, angebliche Geheimdienstberichte und BKA-Dossiers sowie Insiderinformationen, die er aber nicht benennen darf. Dies verleitet ihn nun dazu, ein fiktives Netz der Islamisten zu zeichnen, in deren Mittelpunkt die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs und die Islamischen Zentren stehen. Ihnen will er Verbindungen zur Muslimbruderschaft in den arabischen Ländern und anderen extremistischen Organisationen nachweisen. Beim Entwurf dieser gigantischen Verschwörung webt er gleich noch den Zentralrat der Muslime oder das Zentralinstitut Islam-Archiv in Soest mit ein. Letztlich, so sein Fazit auf den letzten Seiten, müsste man neun Zehntel aller islamischen Vereinigungen schließen, wollte man wirklich sichergehen, dass damit alle möglichen Verbindungen bis zur Al Qaida gekappt würden.

Dabei arbeitet Ulfkotte mit Unterstellungen, Vermutungen die zu Beweisen mutieren, Diffamierungen und Argumenten in hominem. Das ganze mündet dann in ein Schreckenszenario, das man auch schon bei Rolf Stolz und Hans-Peter Raddatz vom rechten politischen Rand der illustren Runde der "Islam-Experten" kennt: Die Unterwanderung der deutschen Gesellschaft und die Errichtung eines Kalifats der Muslime.

Um dies zu verhindern und den verlogenen Dialog mit dem Islam zu beenden, stellt er einen Forderungskatalog auf, der den Rechtsstaat für viele der hier lebenden Muslime in weiten Teilen außer Kraft setzen würde. So soll schon bei begründetem Verdacht der Sympathie für bestehende extremistische Gruppen die Ausweisung erfolgen. Und was für Ulfkotte alles eine extremistische Gruppe sein mag, darüber mag man nicht spekulieren.

Damit entzieht Ulfkotte aber jeder ernsthaften Diskussion um die Integration der Muslime und der Gefährdung durch Extremisten und Islamisten jede Grundlage. Wenn der Generalverdacht salonfähig wird, darf jeder Muslim zum Islamisten und dann zum Terroristen erklärt werden.

Worauf Ulfkotte dabei immer wieder zurückkommt, ist das Verbot von Milli Görus, ein Projekt, das der bayerische Innenminister Beckstein schon lange forciert. Eine in seinem Haus herausgegebene Broschüre, das Faltblatt: "Schützt unsere Demokratie" stellte Milli Görüs gleich neben Usama bin Laden. Man mag gegen Milli Görüs einwenden, was man will, und der Vorwürfe um undemokratische Strukturen, dubiose Wirtschaftsgeschäfte und verfassungsfeindliche Einstellungen sind viele - Milli Görüs und Usama bin Laden Seite an Seite zu stellen ist bösartigste Unterstellung. Zudem hat im September 2003 das Bayerische Verwaltungsgericht dies beanstandet und befunden, dass eine solche Darstellung „bei einem unbefangenen Betrachter […] den Eindruck eines direkten Zusammenhangs“ entstehen lässt. Aus diesem Grund wurde dem Land Bayern die Verbreitung der Broschüre untersagt.

Viele Muslime fühlen sich durch solche Vorwürfe verletzt und in der Gesamtheit der Gläubigen angegriffen, auch wenn sie in keiner Weise mit Hamas, Hizb ut-Tahrir, dem Kalifatsstaat oder auch Milli Görüs sympathisieren würden. Wenn der Verdacht so schnell ausgeweitet werden kann, dann kann jeder bald drankommen. Und solche Ängste sind keine Motivation, sich in diese Gesellschaft einzubringen.

 

Die falsche Veranstaltung?

Die Veranstaltungsankündigung der Münsterländischen Volkszeitung verspricht: "Auf Einladung des Vereins 'Europa-Brücke' kann das interessierte Publikum Udo Ulfkotte am kommenden Donnerstagabend auf den Zahn fühlen." Wird man Gelegenheit dazu haben, wenn es als Buchlesung geplant ist, zu der anschließend nur auf ein paar vereinzelte Fragen Antwort gegeben werden kann? Wäre hier nicht bei einem so umstrittenen Buch eine Podiumsdiskussion mit kritischem Gegenpart angemessener? Darf nur das Schreckgespenst, das Udo Ulfkotte an die Wand malt, die Zähne zeigen und wird das "auf den Zahn fühlen" ausfallen?

Das ist zu befürchten, wenn man die Erfahrungen mit der ersten Veranstaltung der CDU-nahen Europa-Brücke heranzieht. Nach der Podiumsdiskussion "Was wird nach dem Irak-Krieg" im Mai titelte die Münsterländische Volkszeitung vom 08.05.2003: "Kontroverser Meinungsaustausch kam nicht auf". Das mag an der Auswahl des Podiums gelegen haben, aber auch das zahlreich erschienene Publikum schien wenig Interesse an kritischen Fragen zu haben. Dem schien es bei seinen Wortmeldungen zu genügen, auf grüne und rote Friedensbewegte einzuhauen und Klischees über den Islam als solchen bestätigt zu bekommen. Dem letzteren gab das Podium zum Glück nicht immer nach, aber Behauptungen, wie die, dass im Islam die Frau keine Seele habe und dass Aufklärung und Islam grundsätzlich inkompatibel seien, blieben einfach unwidersprochen. Dem Veranstalter, darunter an führender Stelle Norbert Kahle, daraus einen Vorwurf zu machen, wäre vielleicht ungerecht, hatte der doch noch im März eine Veranstaltung "Islam in Deutschland - ein deutscher Islam" in Hopsten auf die Beine gestellt, die aber nur geringe Aufmerksamkeit fand. Kann man beim Thema Islam, Islamismus oder islamische Welt nur dann auf Publikumszulauf hoffen, wenn man Klischees bedient? Aber gerade wenn dem so wäre, hätte dann nicht ein politisch verantwortlich handelnder Veranstalter die Pflicht, dem gerade nicht nachzugeben? Und ist dann ein Buch, wie das von Udo Ulfkotte, nicht am falschen Platz?

Zur Veranstaltung wird die Buchhandlung Eckers ausgewählte Literatur auf einem Büchertisch anbieten. Es wäre wünschenswert; wenn man dort nicht nur "Aufklärungsliteratur" von Udo Ulfkotte, Bassam Tibi oder gar Hans-Peter Raddatz und Rolf Stolz finden würde.

© w.s.hoffmann, 16.07.2003

 

Rezensionen und Online-Publikationen

Veranstaltungsankündigung

Wird Deutschland vom Islam unterwandert?
Münsterländische Volkszeitung 12.07.2003
» Pressespiegel 2003


Presseberichte

Radikaler Islamismus bedroht auch Europa
Münsterländische Volkszeitung 19.07.2003
» Pressespiegel 2003

Terroristen auch in Rheine?
Münstersche Zeitung 19.07.2003
» Pressespiegel 2003


Rezensionen des Buches von Udo Ulkotte

Wie man Bürgerkriegsängste schürt
von Stephan Weidner
DIE ZEIT 15.05.2003 Nr.21
« http://www.zeit.de/2003/21/P-Ulfkotte

Der Hofnarr der Geheimdienste von Eberhard Seidel
taz Nr. 7040 vom 28.4.2003, Seite 14
« http://www.taz.de/pt/2003/04/28/a0186.nf/text


Klagen muslimischer Organisationen gegen kritische Publikationen

Schleichende Auszehrung der Neugier von Heribert Seifert
Neue Zürcher Zeitung,16. Mai 2003
« http://www.nzz.ch/2003/05/16/em/page-article8UPKG.html


Einwände gegen den geheimdienstlichen Generalverdacht

Wehrhaftes Missverständnis
von Micha Brumlik
taz vom 17.06.2000, Seite 12
« http://www.hgdoe.de/pol/brumlik11-00.htm


Verfassungsschutz

Schützt unsere Demokratie
Faltblatt des Bayerisches Staatsministerium des Innern 2002
« http://www.verfassungsschutz.bayern.de/meldungen_alt_links/faltblattserie_vs/7.Islam.pdf

Verfassungsschutzbericht 2002
« http://www.bundesregierung.de/dokumente/,-485477/Artikel.htm


Online-Publikationen

Islam und Muslime in Deutschland
von Johannes Kandel
Internationale Politik und Gesellschaft Online 1/2002
lraquo; http://fesportal.fes.de/pls/portal30/docs/FOLDER/IPG/IPG1_2002/ARTKANDEL.HTM

Islamisches Alltagsleben in Deutschland
von Thomas Lemmen und Melanie Miehl. Friedrich-Ebert-Stiftung 2001
« http://library.fes.de/fulltext/asfo/01003toc.htm

Islamische Organisationen in Deutschland
von Thomas Lemmen. Friedrich-Ebert-Stiftung 2000
« http://library.fes.de/fulltext/asfo/00803toc.htm

Islam in Deutschland
Der Bürger im Staat. 51. Jahrgang Heft 4 2001
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
« http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis/4_01/Islam.pdf

 

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